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Warum die Finanzkrise 2009 keine Finanzkrise war
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November 4, 2017
Written by:
Marcel Trost

1. Von den Anfängen ungeahnter Produktivität

Die ersten guten Daten über den Lebensstandard haben wir von den Alten Römern und der hat sich bis 1820 kaum verbessert: Menschen haben neben ihren Tieren geschlafen, jeder hatte nur ein paar Kleider, die in Schichten je nach Jahreszeit an- und abgenommen wurden und, wenn das Leben zu unerträglich wurde, hat man einfach so viel getrunken, bis sich die Realität dem Wahrnehmungsspektrum entzog – die Menschheit hat im Grunde mit und vor allem wie ihr Vieh gelebt. Das galt für alle, bis auf eine winzig kleine Elite: die Aristokraten und reichen Handelsmenschen (natürlich immer Männer), die ein, für uns heute, „normales" Leben gelebt haben. Das alles ändert sich zwischen 1820 und 1950. allerdings war dies, wie manche meinen, keine Leistung der Wissenschaften, sondern eine Management-Errungenschaft. Denn seit 1950 leben wir alle besser als die Aristokraten im 18. Jahrhundert und davor. Obgleich die wissenschaftlichen Errungenschaften die Menschheit vorangetrieben haben, bestand die wirkliche Leistung darin, diese Errungenschaften zu verteilen, was nicht seitens der Wissenschaftler und Universitäten geschah. Der Anstieg des Lebensstandards hat viel mit dem Produktivitätswachstum zu tun, das sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders in dem landwirtschaftlichen Sektor bemerkbar gemacht hat und heute in der Güterproduktion fortsetzt.

Die Landwirtschaft ist bis ca. 1930 so effizient geworden, dass...

Aggriculture Productivity Growth
Produktivitätswachstum in der Agrarwirtschaft

… das Produktivitätswachstum in der Landwirtschaft zwei Mal schneller war, als das Wachstum der Weltbevölkerung:

Agrarwirtschaftstrends Welt Produktivität
Total Agricultural Exports and as a percentage of all exports

... und dies, obwohl der Güterexport immer günstiger wurde und in der Landwirtschaft immer weniger exportiert wird. Der Grund? Ganz klar, das überproportionale Produktivitätswachstum.

Das Gleiche, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Landwirtschaft passiert ist, passiert im 21. Jahrhundert mit der Güterherstellung.

Beispiel zur Veranschaulichung:

Durchschnittliche Ausgaben für Kleidung in den USA 1980 und in 2010:

- 1980 wurden im Durchschnitt 9% vom Einkommen für Kleidung ausgegeben, 6% für die Anschaffung der Kleidung und 3% fürs Waschen und die Pflege.

- 2010 waren es hingegen nur noch 6% vom Einkommen, die für Zara, H&M und Co. ausgegeben wurden, 3% für die Kleidung selbst und 3% fürs Waschen und die Pflege.

Der Wert der Kleidung an sich ist verglichen mit der Pflege deutlich niedriger geworden und da auch in Zukunft Kleidung nicht zur Reinigung nach z.B. China verschickt wird, bedeutet das, dass in Zukunft die Bedeutung lokaler Dienstleistungen weiter zunehmen wird und es weniger um den Warenwert erstellter Güter und deren Export gehen wird:

Manufacturing is on decline
Die Güterherstellung verliert an wirtschaftlicher Wichtigkeit

In der Politik werden diese Entwicklungen systematisch unterschätzt und falsch bewertet.

Die Politik (besonders die wegweisende US-Politik) versteht offensichtlich nicht, was wirklich vor sich geht, und dafür kann es nur drei Gründe geben:

  1. Sie verkennt das eigentliche Problem.
  2. Sie überschätzt ihren Einfluss auf die Wirtschaft.
  3. Es gibt keine Anreize für die Politik, präzise Vorhersagen zu treffen, bzw. es gibt gute Gründe, bewusst zu optimistisch zu sein.

Da Letzteres sehr unwahrscheinlich ist, beschäftigt sich dieser Artikel im Folgenden näher mit den Punkten 1 und 2. Die folgende Grafik dokumentiert die Fehleinschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung.

Forecasting GDP
Die Federal Reserve hat die Wirtschaft systematisch überschätzt

2. Wirtschaftszyklen und Lehren aus der Weltwirtschaftskrise der 1920er und 1930er

Die Weltwirtschaftskrise der 1920er/30er ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Sektor, nämlich der Landwirtschaftssektor, langsam an Bedeutung verliert. Dazu zunächst etwas Theorie:

Der empirische Ablauf des „Minsky Kreislaufs“ in 7 Schritten

1. Es gibt einen Nachfrage- oder Angebots-Schock, der sich auch in den Aktienmärkten widerspiegelt.
2. Firmen produzieren weiterhin, was zu einem Inventurwachstum führt und durch Schulden finanziert wird.
3. Die Firmen-Bilanzen verlieren an Wert und werden in Mitleidenschaft gezogen. Da in Krisen kaum Eigenkapital durch sinkende Firmenbewertungen an den Aktienmärkten verkauft wird, werden weitere Schulden aufgenommen.
4. Das Resultat ist ein kurzer, heftiger "Schock", der üblicherweise 6-9 Monate anhält.
5. Firmen reduzieren ihre Investments, bis:
6. sich die Cash Flows verbessern und
7. Firmenbilanzen langsam wieder aufgebaut und gestärkt werden (über einen Zeitraum von ca. 48 Monaten). Währenddessen werden wieder Dividenden ausgeschüttet, Eigenkapital verkauft usw.

Wenn kein neues Eigenkapital verkauft wird, wird der Schock von dem existierenden Eigenkapital buchstäblich absorbiert. Die Überlegung, wieder als Firma zu investieren, ist vielmehr eine Risikoüberlegung als eine Zinsraten-Überlegung, wie die Politik meint, denn niemand hat je einen Effekt von Zinsraten auf Firmeninvestments in statistischen Analysen finden können:

Die Zinsraten scheinen Firmeninvestitionen nicht zu beeinflussen

Warum war die Weltwirtschaftskrise der 20er/30er anders als ein typischer Minsky Kreislauf?

Ein Blick in den Agrarsektor zeigt, dass Bauern mit hervoragenden Bilanzen in die 1920er gestartet sind und dadurch die erste Rohstoffkrise 1921-1922 gut wegstecken konnten. Im Laufe der 1920er fallen die Preise für Rohstoffe jedoch weiter und die Bilanzen der Bauern zerfallen, denn von 1929 bis 1933 beträgt der Landwirtschaftsoutput zwischen 4-6% des Bruttoinlandsprodukts, die Nachfrage aber nur 2%. Bauernfamilien, die 35% der amerikanischen Bevölkerung ausmachen, haben ihr ganzes Kapital in ihren Hof investiert und verlieren deshalb zwischen 1929 und 1933 achtzig Prozent (80%) ihres Einkommens. Da die Kapitalmärkte die Bauern nicht in die Städte holen, produzieren diese mehr und mehr und sitzen auf ihren Höfen geradezu fest. Die Preise erholen sich schließlich, aber die Bilanzen erholen sich nur sehr beschwerlich, und weil ein so großer Teil der Bevölkerung betroffen war, hat das ganze Auswirkungen auch auf die Industrie und Finanzsektoren in den Städten, also selbst wenn die Bauern in die Städte gezogen wären, hätte dies Anfang der 1930er nicht mehr viel geholfen.

Als Resultat des enormen Überschusses in Nord- und Südamerika, in Europa und allen anderen führenden Agrarwirtschaftsländern versuchten sich diese Staaten aus ihrem Problem "heraus zu exportieren", sodass sie ihre eigenen Währungen abwerten wollten, um günstiger auf dem globalen Markt zu sein. Argentinien und Australien haben dies früher als andere Länder unternommen, was ihnen während der Krise zugute kam, wobei nicht alle Länder ihre Währung zum gleichen Zeitpunkt hätten abwerten können, da sich Export und Import auf weltweiter Ebene die Waage halten müssen. Alvin Hansen, Paul Samuelson und die anderen Wirtschaftsexperten dieser Zeit dachten, dass nach dem 2. Weltkrieg die Krise wieder zurückkommen würde. Was tatsächlich geschah war, dass sich der 2. Weltkrieg besonders in den USA als eine nachhaltig effektive „Industriepolitik“  herausgestellt hat, die sich später auch auf Europa ausgewirkt hat. Denn, die Regierung hat zwecks Kriegsführung in den 1940ern, die Migration der Menschen von den Bauernhöfen in die Städte angestoßen und mitfinanziert. In den amerikanischen Städten entsteht so eine große Nachfrage nach Unterkünften und diversen Gütern, mit dem Resultat, dass sich die Wirtschaft erholte - allerdings nicht in Argentinien, das nicht am Krieg teilnimmt und über den Krieg hinaus weiterhin Schwierigkeiten gehabt hat.

Wirtschaftskrise 1920er Schaubild
Visuelle Darstellung der verschiedenen Effekte

Weltwirtschaftskrise Erholung
Dow Jones während der Weltwirtschaftskrise und die langsame Erholung
Weltwirtschaftskrise 1929
  • Langer „Schock“ (von 1929-1933)
  • Sehr langsame Erholung (1950er)
  • Keine Erholung in manchen Ländern (vgl. Argentinien)
  • Keine selbstregenerierenden Bilanzen

Gegenwärtige Krise
  • Langer „Schock“ (vgl. Griechenland, Italien, Europa allgemein bis auf wenige Ausnahmen)
  • Langsame Erholung (vgl. Japan)

3. Weltwirtschaftskrise 2009

Globale Ungleichheiten

Wie in den 1930ern, war die Krise 2009 kein schneller Schock, sondern ein langsamer Prozess (wie die Beispiele Griechenland oder Japan nach 2009 zeigen). Das unterscheidet die Weltwirtschaftskrise der 20er/30er und die gegenwärtige Krise von dem klassischen Minsky Kreislauf, demzufolge sich Bilanzen selber automatisch regenerieren. Das Produktivitätswachstum im Gütersektor von 6% steht heute einem Nachfragewachstum von nur 3% gegenüber. Exportländer wie Deutschland sammeln zwangsläufig Fremdwährungen an, die im Ausland wieder ausgegeben werden müssen. Folgende Länder haben hervorstechende Merkmale bei der Herangehensweise, mit dieser Situation umzugehen, entwickelt:

Japan: Protektionismus

Japan exportiert so viele Kapitalgüter wie möglich, weil es dort keine Bodenschätze gibt und Japan seine Wirtschaft durch diese Exporte schützen will (mehr Details zu dem Beispiel Japan folgen später).

China: Makrostimulation

China wächst seit der Jahrtausendwende in Geschwindigkeiten, die die Welt noch nicht gesehen hat, aber ohne den Güterfertigungssektor stellt sich das Wachstum in China im internationalen Vergleich als schwach heraus. Die 5-Jahres-Pläne Chinas deuten darauf hin, dass sie dem Vorbild Japans folgen, da sie wie Japan fast ausschließlich in den Gütersektor zu investieren beabsichtigen. Die Chinesische Regierungspartei besitzt eigene große Güterherstellungsfirmen, die sie nicht schrumpfen oder sterben lassen wird und stattdessen seine Bevölkerung in den Dienst der Produktion stellt. Dies geschieht durch ein neo-kommunistisches System, in dem jeder Bürger nach seiner "Qualität" mit Noten bewertet wird und so jeder Einzelne einen quantifizierbaren Wert in der Gesellschaft darstellt.

Korea: "Nie wieder Defizit"

Die Defiziterfahrung und Währungskatastrophe ‘97/‘98, in der viele Unternehmen in Fernost den Bankrott anmelden mussten, hat dazu geführt, dass die betroffenen Länder, allen voran Südkorea, ein neues Wirtschaftsdefizit kategorisch ausschließen. Heute wird die ehemalige Rolle Koreas, nämlich die Überschüsse anderer Länder aufzuwiegen, u.a. von Russland, Argentinien, Mexiko und Brasilien übernommen, um die Überschüsse der Exportländer auszugleichen.

Deutschland: Industriepolitik eines Exportgiganten

Deutschland verfügt über einen bemerkenswert starken Industriesektor, den die Gewerkschaften und die Gesetzeslage vor äußeren Eingriffen besonders gut schützen. Der Euro ist wiederum ein „Geschenk des Himmels“ für Deutschland, weil Deutschland auf diese Weise einen enormen Überschuss produzieren kann, ohne dass die eigene Währung an Wert zunimmt und dadurch im internationalen Vergleich unattraktiver wird. Durch den relativ niedrigen Währungskurs exportiert Deutschland Europa regelrecht "kaputt“ und fragt dann, warum nicht alle in Europa so viel exportieren wie Deutschland, ohne zu verstehen, dass diese Rechnung nicht aufgeht, denn benötigen doch die deutschen Exporte auch Absatzmärkte. Deutschland ist auf die Produktion von hochwertigen Kapitalgütern spezialisiert und genießt einen ausgezeichneten Ruf auf dem globalen Markt, sodass "Made in Germany" bis heute einem Qualitätssiegel gleichkommt. Die "Marke Deutschland" ist wertvoller denn je - Volkswagen-Skandal und Dieselgate zum Trotz. Hochwertige Kapitalgüter zu exportieren ist einer der letzten Schritte im Rahmen von Chinas Entwicklungsstrategie, denn i.d.R. entwickeln sich Länder wie China von der Produktion einfacher Güter wie Textilien zu der Herstellung hochwertiger Güter wie Autos, sodass China hier Deutschland früher oder später wird schlagen können. Der deutschen Wirtschaftsstrategie scheinen hier natürliche Grenzen gesetzt zu sein, denn Deutschland wird in absehbarer Zeit das Limit seines Vorteils in der Produktion hochwertiger Güter erreicht haben und sich in diesem Bereich kaum gegen einen übermächtigen Markt wie China behaupten können.

Alles in Allem können die „Lösungen“ der Politik verschiedener Länder einfach zusammengefasst werden: 

  • Alle versuchen sich durch erhöhte Güterexporte zu retten (was auch den Deflationsdruck in manchen dieser Länder erklärt)
  • Banken werden stärker reguliert (verfehlt das eigentliche Problem)

Der Vorteil von Ländern wie China (Stickwort: niedrige Arbeitskosten) wird angesichts neuer Technologien komplett verschwinden, denn kein Mensch kann niedrigere Arbeitskosten bieten als ein Roboter.

Beispiel zur Veranschaulichung:

Als General Motors 1980 in finanzielle Probleme geraten ist, wies das Unternehmen noch 360.000 Angestellte aus. Als sie in den letzten Jahren angesichts internationaler Konkurrenz wieder in Schwierigkeiten gerieten, waren es nur noch 30.000 Angestellte mit immerhin noch 50% des Outputs von 1980. Der Vorteil, weniger Angestellte und somit niedrigere Arbeitskosten zu haben, verschwindet also langsam mit wachsender Produktivität - oder anders formuliert, der Vorteil, billig produzieren zu können, wird immer geringer bis er schließlich verschwindet. Autos werden wie viele Güter zunehmend lokal produziert, und deswegen kommt es, wie in jedem Business, auf lokale Barrieren an.

Leistungsbilanzen Europa
Leistungsbilanzen und Haushalt verschiedener europäischer Staaten in Europa

Ungleiches Europa

Wenn man die Situation in Europa genauer betrachten möchte, muss man sich die Leistungsbilanzen anschauen und nicht einfach nur den Haushalt betrachten, denn: Es ist noch nie ein Land mit positiver Leistungsbilanz Bankrott gegangen, da solche Länder Schulden im Inland finanzieren können. Länder wie Portugal oder Griechenland hängen inzwischen von Deutschland und der EU so stark ab, dass ihre Situation der Figur Blanche DuBois aus dem Film A Streetcar Named Desire gleicht:  Ihr ganzes Leben war von der Gutmütigkeit Anderer abhängig und nimmt kein gutes Ende...

Letztlich fressen die USA viele Überschüsse auf, was dazu führt, dass Exportländer zwangsläufig einen hohen Anteil an US Dollars ansammeln - Beispiel China: heute China könnte sich mit seinen angesammelten Dollars Euros kaufen, wodurch der Euro wieder so hoch anstiege, wiezu Zeiten, als dieser noch bei 1,65 USD stand (man könne es sich kaum mehr vorstellen) und die Europäer erstmal stolz auf ihre wertvolle Währung waren, bis sie merkten, dass ein hoher Euro-Wert den Exporten aus der EU schadete. China müsste also zunächst einmal einen Käufer für sein Dollars finden, da Europa sich hüten wird, den Euro wieder zu sehr ansteigen zu lassen. Die chinesische Wirtschaft hat durch ihren inzwischen chronischen Überschuss nicht weniger als 2 Billionen US Dollar angesammelt, eine Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht hat und weiterhin anwächst. Zu dem enormen Exportwachstum und Güterproduktion, gibt es faktisch kaum eine Alternative, wolle man nicht mit einem Defizit operieren, folglich sammelt China reichlich US Dollar an.

Für die Situation in den USA hingegen ergeben sich dadurch "zwei Seiten der Medaille":

Die gute Seite ist, dass die USA lediglich "Papier bedrucken“ muss um diese für echte Güter einzutauschen.

Die schlechte Seite hingegen besteht darin, dass, wenn 6-7% der Nachfrage im Ausland eingekauft werden, indem man Güter aus Ländern wie China importiert, man ein chronisches Arbeitslosigkeitsproblem hat, denn die Produktionsarbeit wird so gewissermaßen "ausgelagert" wird.

Eine Lösung für das Problem könnte in der Zukunft ein zentrales "Reserve-System" sein, das vorsieht, dass z.B. der Internationale Währungsfond Geld für Import-Länder wie die USA druckt - eine Idee, die u.A. der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz propagiert.

Doch wie genau stellte sich der globale Geldfluss 2008 und 2009 dar? Die folgende Grafik zeigt den Geldfluss des US Dollar zurück in die USA, nachdem dieser im Ausland angesammelt worden war.

Geldfluss USD
Riskante USD-Investitionen fließen zurück in die USA

Wenn ein Bankangestellter z.B. in Hamburg glaubt, an der Wall Street viel Geld verdienen zu können, weiß Wall Street damit umzugehen: z.B. indem es riskante Hypotheken-Fonds zusammenstellt, die HSH-Nordbank diese kauft und damit der Geldfluss wieder der Wall Street zu Gute kommt.

Sparen Anlagen Einkommen
Sparanlagen als Anteil des verfügbaren Einkommens in den USA

Außer der Schwierigkeit für Exportländer, ihre US-Dollar-Bestände wieder abzubauen, besteht ein weiteres Problem, das hinter dem Geldfluss in diese riskanten Hypotheken-Fonds steckt, in die Spar-Rate der amerikanischen Bevölkerung als Anteil des verfügbaren Einkommens, wie die Tabelle (rechts) darstellt. Betrug diese Rate zeitweise zwischen 10% und 12%, so sank sie dann  langsam bis auf nur noch 2,7% in 2005 - ein Trend, der die Arbeitslosigkeit in Schach hielt.

Hinter dem Abfall der Spar-Rate in den USA verbirgt sich 2015 folgende Realität: Die reichsten 20% der amerikanischen Bevölkerung verdienen ungefähr 50% des gesamten Einkommens des Landes und sparen 15% dieses Einkommens. Das entspricht einer Spar-Rate von 7,5%. Da die Spar-Rate in dem Land insgesamt aber nur 5% beträgt, müssen die restlichen 80% der Bevölkerung, die die andere Hälfte des Einkommens verdienen, 105% ihres Einkommens jedes Jahr ausgeben, um die Spar-Rate der oberen 20% aufzuwiegen und um auf den Landesdurchschnitt von ca. 5% zu kommen.

Auch dieser Kreditspirale ist eine Grenze gesetzt,  ob durch Studentenschulden oder Hypotheken finanziert, können diese 80% der Bevölkerung nicht stendig so viel ausgeben, wie sie es derzeit tun. Dieses Problem wird voraussichtlich zu einer erneuten schweren Krise führen, die, wie die letzte, die Welt in Mitleidenschaft zieht und sich auch in den Firmenbilanzen niederschlagen wird. Steuervorteile für die unteren 80% der Bevölkerung oder die Tatsache, dass die Ölpreise so niedrig sind, sind disfunktionale politische Lösungen, um eine WIrtschaft anzukurbeln, da derzeit ohnehin schon mehr ausgeben als verdient wird - und die Weltpolitik schaut tatenlos zu (die Trump-Regierung scheint diese Ungleichheiten sogar noch weiter zu verschärfen).

Sparen Einkommen
Die unteren 80% der amerikanischen Bevölkerung gibt von ihrem Einkommen im Durchschnitt mehr Geld aus als sie einnimmt

4. Fallbeispiel Japan

Ein Beispiel, das Licht ins Dunkel bringt

Die japanische Wirtschaft ist seit den 1990ern geprägt von "Zombiebanken" sowie von einer gescheiterten Geld- und Finanzpolitik. Japan hat bis heute sein BIP-Wachstum von vor 2007 nur kaum überschreiten können. Ein Vergleich mit den USA hilft anhand der Tabelle (s. unten) den Wachstums-Rückstand in Japen aufzuschlüsseln, in der die Wirtschaftsleistung in Kombination von Produktivitätswachstum und Arbeitsstundenwachstum ausdrückt wird (Angaben in %):

Arbeitsstunden Produktivität
Arbeiteraktivität in Arbeitsstunden (Japan und USA im Vergleich)

Der Unterschied im Arbeitsstundenwachstum ist relativ konstant seit den 1970er Jahren, und obwohl der Trend in Japan fällt, zeigt die noch etwas stärker fallende Arbeitsbevölkerung, dass es kein demografisches oder Nachfrage-Problem ist. Vielmehr ist das Produktivitätswachstum ist in den 1970er Jahren bis Ende der 1980er Jahre in Japan 3% höher  als in den USA, schließlich aber nur noch 0,5% drunter - das sind über 3% des Wirtschaftswachstums, die ausschließlich mit der Produktivität zu erklären sind. Hier liegt der Kern des Problems, denn die Produktivität ist deshalb gefallen, da Japan sich auf einen sterbenden Sektor spezialisiert hat, nämlich den Gütersektor. Die USA haben im Gegensatz dazu einen starken Dienstleistungssektor aufgebaut. Während Arbeitsinput bei gleichbleibender Wirtschaftsleistung fällt, passiert das Gleiche wie in der Landwirtschaft, und zwar dass nur noch lokal produziert wird, wie man am Beispiel der Autoindustrie erkennen kann.

Die folgende Tabelle vergleicht speziell den Gütersektor in Japan und den USA. Noch 1990 war das Wachstum der Güterproduktion in Japan um 30% höher als in den USA. Die Tabelle zeigt, wie die Arbeitsstunden im Gütersektor nach 1990 fallen. Da der Gütersektor ein Export-Sektor ist, hätte er sich durch eine erhöhte Nachfrage innerhalb Japans nicht verändern können. Da der japanische Gütersektor in  der Lage ist, eine hohe Anzahl von Arbeiter leicht zu ersetzen, ist die Produktivität gegenüber des Gütersektors der USA deswegen gesunken.

Das tiefen strukturelle Problem, dass sich aus dem Niedergang des Güterproduktionssektors weltweit ergibt, wurde auch in Japan nicht durch den Finanzsektor ausgelöst, sondern durch folgt einem komplexeren Trend. Die USA sind ein geeigneter Vergleichsparameter, da sie im Vergleich zu anderen Ländern einen besonders starken Service-Sektor aufgebaut haben und sich somit vorzeitig von der Vormacht des Gütersektors verabschieden konnten.

Gütersektor USA Japan
Arbeitsstunden des Gütersektors (Japan und USA im Vergleich)

5. Ausblick

Geldpolitische Maßnahmen wirken sich heutzutage so gut wie gar nicht auf die Wirtschaft aus, wenn man sie z.B. mit den 1960ern vergleicht, in denen noch, sobald die Geldmenge verringert wurde, das BIP im Folgejahr ebenfalls fiel (vgl. 1962-1963), und sobald die Geldmenge angezogen wurde, auch die Wirtschaft wieder wuchs (vgl. 1967-1968).

Die Auswirkung der Geldmenge im Vorjahr auf das Bruttoinlandsprodukt ist klar erkennbar

Was hat sich seit den 1960er Jahren verändert?

WIr haben es 2009 also mit keiner Finanzkrise im herkömmlichen Sinn zu tun gehabt, sondern die Schwierigkeiten im Finanzsektor waren nur ein Symptom - ein Symptom des Verschwindens eines Sektors (nämlich des Gütersektors) und den daraus folgenden Ungleichheiten in der Bevölkerung. Vor 2011 durften die Banken keine Zinsen auf Sichteinlagen in den USA zahlen („Regulation Q“), was im Grunde eine Subvention der Banken darstellte. Dadurch erhielten die Banken Zugang zu sonderbegünstigtem Eigenkapital, da die Sichteinlagen nicht schrumpften, sondern sich ganz im Gegenteil als stabil und langzeitig erwiesen, sie keine Zinsen zu zahlen hatten und durch die Anpassung der Geldmenge vom Staat reguliert werden konnten. Da Eigenkapital das Hauptvehikel ist, mit dessen Hilfe Risiken aufgefangen werden, etablierte sich durch das Beispiel USA eine fast unmerkliche, doch hocheffiziente Methode, um Eigenkapital in das System zu injizieren. Als dieses Vorgehen gestoppt wurde, sah das Resultat so aus, dass die Banken bei der Finanzierung von Firmen kaum mehr eine Rolle spielten. Die Federal Reserve hat bis heute keinen Einfluss darauf, wie viel Geld Banken noch verleihen. In Wirklichkeit sollten wir uns jedoch, statt mit den Banken mit den eigentlichen strukturellen Problemen in der Wirtschaft auseinandersetzen, gleicht doch die Federal Reserve einem Autofahrer, der damit prahlt, wie gut er fährt, ohne zu merken, dass das Lenkrad gar nicht mehr an das Auto angeschlossen ist.

Die Auswirkung der Geldmenge im Vorjahr auf das Bruttoinlandsprodukt ist klar erkennbar

Kredite Schulden
Kredite und Schulden nehmen kaum mehr Einfluss aufeinander

Was bedeutet das in einem globalen Zusammenhang?

Der Gütersektor wird genau so wenig gerettet werden, wie der Landwirtschaftssektor vor 80 Jahren. Das heißt, dass Güterhersteller sich (früher oder später) auf profitable, lokale Dienstleistungen umorientieren müssen, indem sie primär in diesen Bereichen investieren. Die Frage ist nicht „ob“, sondern „wann“ und „um welchen Preis“ diese Umstellung erfolgen wird. Ein Beispiel für diese Umstellung sind die Autohersteller, die, wenn sie weitsichtig sind, weitaus intensiver als bisher in den Car-Sharing-Service - wie Car2Go oder DriveNow - investieren und ähnliche Modelle verstärkt fördern sollten. Die gegenwärtige Politische Strategie in Deutschland, zu exportieren und den Gewerkschaften große Macht zu gewähren, geht nicht auf und muss strukturell angepasst werden. Neue Arbeitsplätze müssen im Dienstleistungssektor geschaffen werden, in den auch der Staat nachhaltig investieren muss (erfolgreiche Modelle gibt es bereitsz.B. in den Niederlanden oder Dänemark). Maßnahmen wie eine negative Einkommenssteuer oder bedingungsloses Grundeinkommen, um den Weg in eine Service-Wirtschaft für alle zu ermöglichen, werden bereits diskutiert. Statt progressiv die Herausforderungen der Zukunft gezielt und effektiv anzugehen, gibt es diesbezüglich einen "Rechtsruck" der europäischen Politik (Beispiel „Brexit"), in dem Versuch Arbeitsplätze in dem sterbenden Gütersektor zu retten - Protektionismus, der sich langfristig nicht global durchsetzen kann. Stattdessen, könnte der Internationalen Währungsfonds als Instanz zur Geldmengenregulierung für Importländer fingieren, sodass nicht mehr die USA das vorrangige Importland sein muss und sich für die Import-Länder kein Nachteil ergibt, die Exporte anderer aufzukaufen. Aber bis dahin muss sich kulturell undstrukturell noch wahrlich viel tun.

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