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Vision 2030 - Saudi-Arabien
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May 23, 2018
Written by:
Marcel Trost

Vision 2030 - A Leading Nation in all Aspects

Saudi-Arabien ist der zweitgrößte Erdölproduzent der Erde. Das Land am Persischen Golf hat im Jahr 2016 über 585 Millionen Tonnen gefördert. Als Rentierstaat ist das Königreich stark von den Einnahmen aus den Erdölexporten abhängig. Aktuell fährt Saudi-Arabien noch gut auf diesem Kurs, angesichts der Tatsache, dass die fossilen Reserven allerdings nicht unerschöpflich sind, steht das Land vor einer großen Herausforderung. Im April 2016 verkündete Kronprinz Mohammad Bin Salman (MbS) erste Details zu dem Großprojekt Saudi Vision 2030 (SV 2030). Eine dringend notwendige Diversifikation der Wirtschaft und ein Schritt in Richtung Unabhängigkeit von den limitierten Erdölreserven sollten das Ziel sein.

In diesem Artikel soll das Projekt Saudi Vision 2030 vorgestellt werden. Vor allem soll dabei auf die Energiewirtschaft und geplante Projekte eingegangen werden, um anschließend weitere Lösungsansätze zu präsentieren, welche das Land dabei unterstützen sollen, die Diversifikation seiner Wirtschaft sicherzustellen.

Saudi Vision 2030 - Ein Land im Wandel:

Schon in den 1970er Jahren setzte sich Saudi-Arabien zum Ziel, seine Wirtschaft unabhängiger von den Erdöleinnahmen zu gestalten, allerdings wurden lange keine weitreichenden Implementierungen angestellt. Ändern sollte sich das unter MbS. Der Kronprinz, der nach und nach die Aufgaben und Verpflichtungen seines Vaters Salman ibn Abd al-Aziz, dem de-facto Herrscher des Königreichs, übernimmt, nimmt sowohl innen- als auch außenpolitisch die nie da gewesene Rolle des Reformers ein. Mit der SV 2030 scheinen viele, längst überfällig erscheinende, Entwicklungen in dem Land in Angriff genommen zu werden.

Das Projekt soll Gewinne aus Erdölrenditen durch weitere Ersetzen. Hierzu gehören neue Steuern, die Öffnung des Marktes für größere Investitionsvolumen aus dem Ausland, den Anteil des privaten Sektors an der Wirtschaft stärken um so mehr Arbeitsplätze bzw. höhere Beschäftigungsquoten zu erzielen.

Grundsätzlich können die ihm Rahmen der SV 2030 realisierten Unternehmungen drei Kernzielen, welche etwas unkonkret formuliert sind, und weiteren drei Leitthemen, welche deutlich detaillierter aufgeführt werden, zugeordnet werden. Die drei Kernziele sind die folgenden: Das Königreich möchte den Status als „Herz der arabischen/islamischen Welt“ erhalten, ein Powerhouse für internationale Investitionen werden und ein wirtschaftliches Verbindungsstück zwischen Asien, Europa und Afrika darstellen.

Die Leitthemen lassen deutlicher werden, welche Ziele sich Saudi-Arabien gesetzt hat. So lassen sich der projekteigenen Website folgende Informationen entnehmen:

„A Vibrant Society“:

Eine lebhafte Gesellschaft, welche trotz der Modernisierung, dem Fortschritt und die Öffnung gen Westen eine stolze nationale muslimische Identität wahrt. Hierbei soll es vor Allem um die religiösen Pilgerstätten und ihre Erhaltung bzw. Expandierung des Umrah-Tourismus. So soll bis 2030 die Kapazität von aktuell 8 Millionen Pilgern im Jahr auf 30 Millionen anwachsen und die Anzahl registrierter UNESCO-Weltkulturerbe verdoppelt werden. Auch soll den Bewohnern ein „erfülltes Leben“ ermöglicht werden, und das mittels des Wohlergehens auf sozialer, physischer und psychologischer Ebene. Hierfür soll das Haushaltsbudget für kulturelle Ausgaben sich auf 6 Prozent verdoppeln, der Anteil regelmäßig sporttreibender Menschen von 13 Prozent auf 40 Prozent erhöht werden und drei saudi-arabische Städte auf der Liste der TOP 100 Städte der Welt positioniert werden. Außerdem soll die Lebenserwartung von 74 Jahren auf 80 erhöht werden.

„A Thriving Economy“:

Eine blühende Wirtschaft, die sich nicht nur auf die Ergebnisse und Einnahmen fokussiert, sondern auch den Arbeitsmarkt weitreichend verändern möchte. Hierfür sollen die Arbeitslosenquoten von knapp 12 Prozent auf 7 Prozent gesenkt werden, den Beitrag von SMEs zum BIP um 15 Prozent auf 35 Prozent zu erhöhen und den Anteil von arbeitstätigen Frauen auf 30 Prozent ansteigen zu lassen. Interessant ist auch die Erhöhung des Anteils ausländischer Direktinvestitionen am BIP. Diese sollen auf 5,7 Prozent erhöht werden. Zudem soll die Relevanz des privaten Sektors einen deutlichen Sprung auf 65 Prozent des BIP machen. Im Global Competitiveness Index soll Saudi-Arabien von Platz 25 auf Platz 10 aufrücken, gleichzeitig eine der 15 größten Wirtschaften der Welt werden (Aktuell noch auf Rang 19). Der wohl eindrucksvollste Anstieg soll im saudischen Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) stattfinden, welcher von 600 Mrd. SAR auf über 7 Trillion SAR wachsen soll. Auch unter diesem Leitthema soll eine nationalausgerichtete Politik verfolgt werden. Saudi-Arabische Unternehmen und Lösungen sollen Vorrang erhalten und weiter gefördert werden.

„An Ambitious Nation“:

Als ambitionierte Nation möchte das Königreich transparenter arbeiten, Korruption weiter eindämmen und härter bestrafen. Die Staatsbürger sollen mehr in den politischen Prozess einbezogen werden, sollen über Online-Plattformen die Möglichkeit erhalten ihr Land mitzugestalten. Des Weiteren sollen die Relevanz und die Funktionen des „e-government“ vorangetrieben werden. Im von den Vereinten Nationen herausgegebenen E-Government Survey Index belegt KSA momentan noch den 36. Platz, hat es sich jedoch zum Ziel erklärt, bis 2030 auf Platz 5 aufzusteigen. Eindrucksvoll und durchaus ambitioniert ist das Ziel, die „non-oil government revenues“ von 163 Mrd. SAR auf 1 Trillionen SAR zu erhöhen.

Energiewirtschaft - Die Chancen der Erneuerbaren // Atomenergie oder Erneuerbare - Hauptsache weg vom Öl

Wie bereits erwähnt plant Saudi-Arabien den umfangreichen Ausbau seiner Anlagen im Bereich Erneuerbare Energien. Solarenergie nimmt hierbei die führende Rolle ein, Windenergie ist nahezu nicht vorhanden. Zu groß das Potenzial der Sonne mit durchschnittlich 9 Sonnenstunden pro Tag und die immensen freien Bauflächen für Solaranlagen.

In diesem Rahmen soll demnächst auch die größte Solaranlage der Welt im Königreich in Betrieb genommen werden. Das Projekt mit einem Wert von 200 Mrd. US-Dollar soll in Kooperation mit dem japanischen Milliardär Masayoshi Son (Technikkonzern Softbank) realisiert werden. Bis 2030 soll die Anlage fertiggestellt worden sein und abschließend eine Kapazität von 200 Gigawatt (GW) erbringen. Somit soll sie 100 mal mehr Energie liefern als andere Großanlagen weltweit. Der Strom soll hauptsächlich für den Eigenbedarf genutzt, allerdings teilweise auch zum Export freigegeben werden. Der veranschlagte Preis von 0,01 Euro pro Kilowattstunde wäre somit der billigste weltweit (Vergleich Deutschland: 0,26-0,30 Euro/kWh  Über 100.000 Arbeitsplätze sollen auf dem 28.000m² großen Areal geschaffen werden. Angesichts der Tatsache, dass 65 Prozent der Stromerzeugungskapazität auf Gaskraftwerke zurückzuführen ist und ein weiteres Drittel auf Erdöl, nimmt die Relevanz des Solarprojekts eine neue Dimension an. Bislang spielte Solarenergie nur eine nichtige Rolle und bei voller Auslastung bzw. Leistung würde die Stromerzeugungskapazität des Landes sich verdreifachen und 40 Mrd. US-Dollar an Stromkosten einsparen.

Doch auch Atomkraft soll in den kommenden Jahren eine bedeutende Rolle einnehmen. Für die kommenden 25 Jahre ist der Bau von 16 Reaktoren bzw. Atomanlagen und ein Budget von 80 Mrd. US-Dollar eingeplant. Aktuell befinden sich zwei Anlagen in der konkreten Planung, die Ausschreibungen laufen und sowohl die USA als auch Russland sind daran interessiert, die Aufträge für sich gewinnen zu können. Unklar ist, auf welches Angebot Saudi-Arabien eingehen wird.

Diversifizierung der Wirtschaft:

Die Saudi Vision 2030 zeichnet sich in erster Linie, wie bereits besprochen, durch wirtschaftliche Umstrukturierungen im Land aus. Allerdings werden auch soziale Veränderungen vorgenommen. In diesem Abschnitt soll erklärt werden, auf welche Neuerungen wir in den kommenden Jahren gespannt sein können, welche bereits eingetreten sind und inwiefern diese mittelbar auch mit der wirtschaftlichen Lage des Landes zusammenhängen.

Stellvertretend für den Geist der Saudi Vision 2030 steht das Projekt der Superlative „Neom“. Dieser moderne Technologiepark, oder auch Smart City, soll auf 26.500 Quadratkilometern (12 mal größer als Tokyo) ausländische Investitionen und Kapital aus der ganzen Welt anziehen. Auf dem Gelände sollen neuen Ökonomiebereichen nie da gewesene Chancen zur Verwirklichung geboten werden. Ob Biotechnologie, Energie, Wasser oder mediale Entwicklung, in „Neom“ werden sowohl große Unternehmen als auch SMEs und Start-ups arbeiten können. Ausländischen Investoren ist es nun gestattet, mehr als 10 Prozent Anteile an saudi-arabischen Unternehmen zu halten. Mit dem beeindruckenden Budget von 500 Mrd. US-Dollar soll unter anderem eine Brücke über das rote Meer nach Ägypten gebaut werden. Die neue Stadt, in der eigene Gesetze und Steuersätze gelten werden, soll zudem alle Dienstleistungen und Standardprozess zu 100% automatisieren. Betriebenen soll sie ausschließlich durch erneuerbare Energien. Das Projekt wird von dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG, Klaus Kleinfeld, geleitet. Die Fertigstellung der ersten Abschnitts ist für das Jahr 2025 vorgesehen.

Doch auch der Tourismus soll einen vollständigen Imagewechsel vollziehen. Bislang ist Saudi-Arabien nur schwer zu besuchen, der Großteil der Touristenvisa wird an muslimische Pilger vergeben. Dies soll sich durch einige Vorhaben ändern, so dass ein öffentlicherer, konfessionsunabhängiger Tourismus gebildet werden soll. Zum einen werden aktuell über 5000 Jahre alte historische Stätten (z.B. Al-Ula) aufgearbeitet. Die Reiseindustrie wird mehr oder weniger von Grund auf neu aufgebaut. Die zuständigen Behörden geben sich enthusiastisch und sehen darin eine große Chance, man könne schließlich aus den Fehlern anderer lernen und es besser machen. Am Roten Meer steht eine Fläche von 34.000 Quadratkilometern zur Realisierung von Hotel- und Tourismusprojekten zur Verfügung. Zudem sollen 50 Inseln im Golf als Basis für Luxusressorts dienen. Erste Interessen stehen bereits Schlange, allen voran Sir Richard Branson, Gründer und CEO der Virgin Group. Er sieht ungeahntes Potential in den bis jetzt mehr als spärlich bewohnten Gebieten. Insgesamt soll der Tourismussektor bis zum Jahr 2030 über 1,2 Mio. neue Arbeitsstellen schaffen. Die Intercontinental Hotels Group (IHG) hat derweil den Bau von zehn neuen Holiday Inn Express Hotels in ganz Saudi-Arabien zugesagt.

Auch andere prestigereiche Projekt wie der „Hyperloop“ sorgen für Aufsehen unter Beobachtern. Das neuartige Bewegungssystem, mit welchem man sich mit bis zu dreifacher Geschwindigkeit eines herkömmlichen Schnellzuges durch Rohrsysteme fortbewegt, soll das Land dabei unterstützen vom Technologiekonsumenten zu einem Technologieinnovator zu wachsen. Hierdurch sollen ganze GCC Staaten miteinander vernetzt werden. Die Strecke Abu Dhabi - Riyadh würde somit nicht mehr 8,5 Stunden in Anspruch nehmen, sondern gerade mal 48 Minuten.

In den Unterhaltungssektor sollen in den kommenden Jahren 64 Mrd. US-Dollar einfließen.Vor allem geht es hierbei um den Ausbau des Kino-Netzes. Nachdem im Herbst letzten Jahres nach 35 Jahren das Verbot von Kinos aufgehoben wurde, ist letzte Woche der erste Film auf Leinwand gezeigt worden. In den kommenden Jahren sollen 350 Kinos in dem Land eröffnen, jährlich rechnet man mit einem Einkommen von 1 Mrd. US-Dollar. Selbstverständlich gehen hierbei wirtschaftliche Interesse der Herrschenden und soziale Verlangen des Volkes Hand in Hand. Durch die Kinos wird die saudi-arabische Wirtschaft angekurbelt, indem private Haushalte mehr für Unterhaltung ausgeben. Ebenfalls entstehen hierdurch weitere Arbeitsplätze.

Weitere interessante gesellschaftliche Veränderungen stellen die Neuerungen bezüglich der Rolle der Frau dar. In dieser Hinsicht galt das Land lange als wenig fortschrittlich. Nachdem Frauen nun am Sportunterricht teilnehmen dürfen und erstmals Stadien und Konzerte besuchen durften, wird ihnen ab Juni dieses Jahres das Recht zugesprochen Auto zu fahren. Ebenfalls als immenser Fortschritt wird angesehen, dass Frauen nun selbst in der Lage sind darüber zu entscheiden, ob sie eine Kopfbedeckung tragen wollen oder nicht.

Saudi Vision 2030 - Evolution oder gar Revolution?

Das Projekt Saudi Vision 2030 ist mehr als nur eine Agenda für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung in dem Königreich. Das Projekt ebnet den Weg für ein neues Land, mit Veränderungen im politischen, wirtschaftlichen und im gesellschaftlichen Bereich. Es ist die Chance für das Land die Verbindung zwischen Afrika, Europa und Asien und Schauplatz von Innovationen jeder Art zu sein.

Die Energiewende scheint in der arabischen Welt anzukommen und die im Zuge der Saudi Vision realisierten Projekte könnten nicht unbedingt nur als Vision, sondern als dringend nötige Erneuerung bestehender Verhältnisse wahrgenommen werden. Die Kombination aus der Realisierung wirtschaftlicher Interessen und mehr Freiheiten für die Bevölkerung bewähren sich. Mohammed ben Salman ist auf die Unterstützung der sehr jungen saudischen Bevölkerung angewiesen. Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt und auch er weiß, dass diese jungen Menschen, vor allem die Frauen, mit Blick auf die benachbarten Golfstaaten wie die VAE oder Bahrain, sich mehr Freiräume wünschen. Auch sie streben nach dem Bedürfnis sich „modern“ bezeichnen zu können. Dieses gutberechnete Kalkül könnte wirklich aufgehen und Saudi-Arabien würde auf globaler eine noch bedeutendere Rolle spielen.

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