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NEOM - eine Megacity in der Wüste
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July 2, 2018
Written by:
Marcel Trost

Dass das Königreich Saudi-Arabien nicht nur die nötigen finanziellen Mittel, sondern auch die Vision und den Drang dazu hat, Großprojekte von vorher nie da gewesener Brisanz zu realisieren, sollte mittlerweile allen, die sich für die Region interessieren, bekannt sein. Schon mit dem Bau der King Saud Universität Riyadh in den 1970er Jahren oder des 1983 abgeschlossenen King Khaled International Airport in Riyadh setzte das Königreich neue Maßstäbe bezüglich Größe, Kosten und Architektur der Werke. Im Oktober 2017 war es ein weiteres Mal an der Zeit. Kronprinz Mohammed bin Salman verkündete auf einer Pressekonferenz, dass das Königreich etwas weltweit noch nie da gewesenes plane. Der Bau einer neuen Stadt namens „NEOM“, welche neue Maßstäbe in puncto Größe, technologischer Fortschritt, Effektivität, Sicherheit und Energiewirtschaft setzen soll. Auf einer Fläche von 26.500 Km² (30 Mal größer als Berlin) soll sie entstehen und von Grenzgebieten in Jordanien und Ägypten ergänzt werden. Kostenpunkt: 500 Mrd. US-Dollar. In diesem Artikel soll das Projekt der Superlative vorgestellt werden und vor allem herausgearbeitet werden, was das Königreich Saudi-Arabien mit dem Bau erreichen möchte.

Überblick

Zum Namen: „NEOM“ setzt sich aus dem griechischen Wort für „Neu“ (neo) und der arabischen Vokabel für Zukunft (mustaqbal) zusammen. Geleitet wird das Projekt von Klaus-Christian Kleinfeld, dem ehemaligen CEO der Siemens AG, der die Funktion des Government Director einnehmen soll. Die Stadt soll eine weltweit unabhängige Spezialzone sein, welche sich über drei Länder erstreckt und „Das beste aus Arabien, Asien, Afrika, Europa und Amerika zusammenbringen“. Und tatsächlich bringt das Projekt zwei Kontinente auch physisch zusammen. Geplant ist der Bau der „King Salman Brücke“, der Ägypten und Saudi-Arabien verbinden soll und somit Afrika und Asien verbindet. Stichwort Konnektivität: rund 70 Prozent der Welt sind von „NEOM“ aus innerhalb von acht Flugstunden erreichbar. Zwischen den bis zu 2500 Meter hohen Bergen und der 468 Kilometer langen Küstenlinie herrscht auch ein vorteilhafteres Klima als in den anderen GCC Staaten. Durchschnittlich bis zu 10 Grad Celsius kälter ist es in der Region, in der die Stadt entstehen soll. Ungefähr ein Zehntel des Welthandels werden durch Schiffsverkehr abgedeckt, der das Rote Meer durchquert. Ebenfalls soll es die weltweit erste kapitalistische Stadt werden. Damit ist gemeint, dass Aktionäre einen Verwaltungsrat wählen, welcher wiederum dazu berechtigt ist, für einen Gouverneur zu stimmen. Die Kosten für das Projekt sollen durch den saudischen Public Investment Fond sowie durch nationale und internationale Investoren gedeckt werden.

Ziele

Statt bestehende Städte im Land zu verbessern, setzt Saudi-Arabien mit „NEOM“ den Startschuss für einen Neustart. Das Land steht unter einem immensen gesellschaftlichen Druck, über 70 Prozent der saudischen Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt, jedes Jahr strömen 350.000 Menschen auf den Arbeitsmarkt. Das Land brauch Lösungen und schafft auf den ersten Blick auch eine: Ein Projekt, an dem sich jeder beteiligen kann. Mohammed bin Salman lässt drei Zielgruppen formulieren, welche von dem Aufbau einer neuen globalen Gemeinschaft profitieren sollen: People, Prosperity, Planet.

Ein Stück Land, welches nicht nur eine Sonderwirtschaftszone, welche eigene Gesetze, Steuern und Regulierungen haben wird, sondern weitaus weniger konservativ ist als das „Mutterland“, welches für Menschen aus aller Welt zugänglich sein soll um somit internationale Talente und Denker von Morgen auf den Plan zu rufen.

Genau dafür steht People, für mehr Innovation, Kreativität und Freundschaft zwischen Menschen, zwischen Nationen, welche von den an „NEOM“ beteiligten Menschen erfasst und vorangetrieben werden soll.
Unter Prosperity (Wohlstand) will das Land mit „NEOM“ das beste verfügbare Geschäftsumfeld für Investoren und Innovatoren zur Verfügung stellen. Hierbei sollen die Wirtschaftsmodelle von morgen entwickelt werden, nachhaltig und kooperationsfördernd sollen sie sein.
Am philosophischsten und mit viel Definitionsspielraum lässt sich auch Planet betrachten: Die Kunst des Lebens soll durch eine nachhaltige Zukunft und einen gesunden Lebensstil ermöglicht werden. Was genau damit gemeint ist, bleibt offen.

„NEOM“ soll die erste unabhängige Wirtschaftszone weltweit und das neue Finanzzentrum Saudi-Arabiens werden. Die nötige Infrastruktur wird ebenfalls gebaut. Der noch teils schlecht erschlossene Nordwesten des Landes wird mit neuen Häfen, neuen Flughäfen und Straßen ausgestattet.

Projekte/Branchen

Für folgende Bereiche sollen in der neuen Stadt Lösungen gefunden werden: Gesundheit, Bildung, Transport, Konnektivität und Smart Destination. Um diese Probleme bestmöglich in Angriff nehmen zu können, wird eine Vielzahl von Branchen in „NEOM“ tätig sein. Im Folgenden eine kurze Übersicht über diese:

  • Energie und Wasser: Die Stadt soll zu 100 Prozent durch Erneuerbare Energie (EE) versorgt werden, wobei vor allem Solar Panels und Windräder für die Energieversorgung verantwortlich sein sollen. Vor allem soll es hierbei aber um die Forschung an Lösungen für bestehende Energieversorgungsprobleme gehen.
  • Mobilität: Auch der Transport innerhalb von „NEOM“ soll nur durch EE betriebene Fahrzeuge ermöglicht werden und wie bereits erwähnt, Asien und Afrika miteinander durch eine Brücke verbinden.
  • Biotechnologie: In diesem Bereich verspricht man sich bahnbrechende Innovationen im medizinischen Bereich und vor allem im Feld der Gentherapie und Stammzellenforschung.
  • Nahrung: Nahrungs- und Trinkwassermangel in trockenen Regionen sollen bald der Vergangenheit angehören.
  • Fortgeschrittene Fertigungstechnik: Bahnbrechende technologische Entwicklung in der Fertigungstechnik, so wie etwa 3D-Drucker, sollen weiter vorangetrieben werden. In der Stadt soll außerdem „ein nie da gewesenes Maß“ an Künstlicher Intelligenz (KI) zum Einsatz kommen.
  • Medien: „NEOM“ soll eine neue Heimat für Produktionsfirmen aus den Bereichen Film, Musik, Videospiele und Social Media werden.
  • Unterhaltung: Ob Sport, Performance, Kunst, Einkaufen oder Restaurants - nur das Beste soll zusammenkommen.
  • Technologische und digitale Wissenschaften:  Die Entwicklung von KI, Virtual Reality und dem Internet der Dinge.
  • Living as NEOM’s Foundation: Eine neue Gesellschaft, die geprägt von idyllischem Lifestyle, moderner Architektur, Lebensqualität, Sicherheit und Technologie leben soll, wird mit „NEOM“ ein neues zu Hause finden.

Die genannten Projekte sollen zu einem großen Ziel beitragen: Die Erschaffung eines Standorts, an dem ein menschenwürdiges Leben für alle ermöglicht werden soll und Fragen der Menschheit in den unterschiedlichsten Dimensionen beantwortet werden sollen.

Deutsche Unternehmen:

Deutschland ist Saudi-Arabiens größter europäischer Wirtschaftspartner. Ende Mai ließ das Königreich verkünden, dass es keine weiteren staatlichen Aufträge an deutsche Unternehmen vergeben werde. Grund dafür seien u.A. Äußerungen des ehemaligen deutschen Außenminister Sigmar Gabriel, welcher das Involvieren Saudi-Arabiens im Jemen und auch im Libanon als „abenteuerlich“ bezeichnete. Zu den betroffenen Unternehmen gehören neben Daimler und Siemens auch Bayer, Boehringer und die Deutsche Bank. An dieser Situation scheint sich demnächst auch nichts zu ändern, Mohammed bin Salman fordert eine Änderung des deutschen diplomatischen Kurses, auch hinsichtlich der deutschen Position gegenüber Iran. Sicherlich bedauernswert wäre es, wenn keine deutschen Unternehmen ihren Beitrag zu „NEOM“ leisten könnten.

Kritik:

Neben all den positiven Kritiken, welche Saudi-Arabien für seine Pläne rund um „NEOM“ erhalten hat, wurden auch einige negative geäußert. Die europäischen Planungspartner, welche an der Entwicklung beteiligt sind, würden sich einfach nur frei entfalten wollen und unterschätzen die Realisierbarkeit des Projekts. Zu verschieden ist die Städteplanung und der Städtebau in Europa, wo Städte konzipiert werden, die organisch bzw. selbständig zu wachsen. Ähnliche Projekte wie die King Abdullah Economic City (KAEC), welche ursprünglich als neuer, attraktiver Wirtschaftsstandort zwei Millionen Menschen beherbergen sollte, umfasste 2016 nur 5000 Einwohner.

Zwar kann man Menschen nicht vorschreiben, wie sie leben sollen, aber es besteht die Möglichkeit, Rahmenbedingungen zu schaffen, um ein gemeinschaftliches Leben führen zu können. Dabei dürfe man die Bereiche Arbeit, Wohnen und Freizeit nicht voneinander trennen. Mohammed bin Salman sieht hierbei keine Gefahr: „NEOM ist eine ganz andere Geschichte. Es gibt eine Verpflichtung der Regierung, wir stehen dafür mit unserem Namen“. Außerdem erschließe das Projekt weitere Märkte und Arbeitsmärkte in Jordanien und Ägypten.

Fazit

Bei „NEOM“ handelt es sich um das spektakulärste Projekt Saudi-Arabiens im Rahmen der Saudi Vision 2030. Das Land setzt an einem wichtigen Punkt an, nämlich der steigenden Landflucht und die wachsenden Metropolen der Erde. Wie man mit den Problemen, welche die Urbanisierung mit sich bringt, umgehen könnte, will Saudi-Arabien mit seinem Pilotprojekt „NEOM“ zeigen.Im Jahr 2025 soll der erste Teil des Gebiets eröffnet werden, bis 2030 der Rest.

Das Land, was sich sonst innovationsfeindlich und risikoscheu zeigt, macht mit dem Projekt eine 180 Grad Wende und will der Welt zeigen, dass es international Maßstäbe setzen kann. Fraglich bleibt jedoch, ob die politische Situation sich lockern wird und auch Länder bzw. Bürger aus Iran, Katar oder sogar Deutschland Teil des Projekts werden dürfen. „NEOM“ scheint ein vollkommenes Projekt darzustellen. Der immense Fortschritt, welcher hierbei vorwiegend durch naturwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt bemessen wird, soll Saudi-Arabien international auf eine Stufe mit anderen Forschungsnationen stellen. Aber eins scheint das Land zu vergessen: Die heutzutage ganz großen Nationen sind nicht nur durch Wirtschaft gewachsen, sondern vor allem durch von Geisteswissenschaften angetriebenen gesellschaftlichen Wandel. Eine Nation kann nur durch Veränderungen in der Gesellschaft wachsen und ein Bewusstsein für eine Vision schaffen, denn ohne die bleibt „NEOM“ erst einmal nur eine neue Stadt in der Wüste.

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