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Interview Dr. Wülfing: Markteintritt Iran
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September 23, 2017
Written by:
Dr. Thomas Wülfing

Herr Dr. Wülfing, können Sie kurz Bilanz ziehen, wie sich die Situation seit dem Implementation-Day verändert hat? Ist die erste Euphorie verflogen?

Meiner Einschätzung nach ist in Bezug auf den Iran-Deal der anfangs überbordende Optimismus einiger Experten mittlerweile einem gesunden Realismus gewichen. Denn trotz aller Chancen, die der Iran Investoren nach dem Implementation-Day bietet, sind die spezifischen Problemlagen für Geschäftsunterfangen vor Ort natürlich nicht über Nacht verschwunden. Daher zögern viele ausländische Investoren nach wie vor im Iran größere Investitionen zu tätigen und warten die weitere Entwicklung ab. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass angesichts der schwachen weltweiten Konjunktur und der Ölpreiskrise die bisherigen Entwicklungen im Iran im Allgemeinen durchaus Anlass zu einer positiven Bewertung geben. Die Fortschritte kommen zwar langsamer als erwartet, aber sie kommen.

Worin sehen Sie denn die wichtigsten Gründe dafür, dass die erste Euphorie etwas verflogen ist? Woran hängt es gerade? Was sind die Problemlagen?

Ich sehe drei unterschiedliche Problemlagen. Zum einen sind die US-Sanktionen ja weiterhin unverändert gültig. Dies verunsichert zahlreiche Investoren doch stärker als erwartet. Denn die genauen Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von US-Geschäften und geschäftlichen Aktivitäten im Iran wurden vielerorts missverständlich kommuniziert – leider nicht zuletzt durch teilweise unseriöse Beratungsangebote.

Eine zweite Problemlage ergibt sich aus den häufig undurchsichtigen Eigentumsverhältnissen iranischer Unternehmen. Die iranische Wirtschaft ist von komplexen Verflechtungen staatlicher Akteure mit staatsnahen Organisationen geprägt, mit denen in Ausnahmefällen der Handel auch weiterhin untersagt sein kann. Verständlicherweise zögern Investoren, solange sie nicht sicher wissen, mit wem sie eigentlich Geschäfte machen.

Der dritte große Problemkomplex liegt im Bereich der Finanzierung. Iranische Korrespondenzbanken müssen selbstverständlich zuverlässig internationalen Standards genügen, tun dies aber noch zu selten. Gerade in Hinblick auf die Themenbereiche Compliance und Buchprüfung liegen zwischen den Anforderungen ausländischer Investoren und der Realität im iranischen Finanzwesen noch Welten.

Glücklicherweise beobachten wir, dass diese Problemlage auf iranischer Seite durchaus erkannt wurde und entsprechende Lösungsmaßnahmen in die Wege geleitet wurden. Realistischerweise werden aber noch Monate, wenn nicht sogar Jahre vergehen, bis geeignete Compliance Systeme installiert worden sind.

Gibt es weitere Knackpunkte, die man als mittelständischer Investor beachten sollte?

Ich würde potentiellen Investoren vor allem dazu raten, potentielle Geschäftspartner im Iran im Vorfeld genau zu prüfen. Gerade die Eigentumsverhältnisse und Machtstrukturen sollten geklärt sein, damit sich spätere rechtliche Schwierigkeiten – z.B. mit Blick auf die Außenhandelskontrolle – ausschließen lassen.

Zudem ist die Frage nach der richtigen Unternehmensform, gerade in Bezug auf steueroptimierte Setups, von großer Wichtigkeit. Das iranische Steuersystem sieht für ausländische Investoren nämlich zahlreiche steuersparenden Optionen vor. Die Vor- und Nachteile eines jeden Modells unterscheiden sich aber je nach angestrebtem Geschäftsmodell stark.

Ein weiterer Punkt ist die Finanzierung. Während die deutschen Großbanken das Irangeschäft generell nur äußerst zögerlich oder überhaupt nicht angehen, bieten andere Kreditinstitute bereits Unterstützung im Irangeschäft an. Generell tun sich die Banken und Sparkassen leichter, die über kein nennenswertes US Geschäft verfügen.

Sie sind ja oft in Iran und bekommen vieles aus erster Hand mit. Wie ist die Stimmung im Land?

Insgesamt ist die Stimmung weiterhin optimistisch. Der niedrige Ölpreis hat die iranische Wirtschaft vergleichsweise wenig getroffen, denn die jahrzehntelang anhaltenden Sanktionen haben die Iraner zu Meistern der Mangelwirtschaft gemacht.

Bei einigen Bevölkerungssegmenten lässt sich aber eine gewisse Ungeduld mit dem als zu langsam empfundenen Reformtempo feststellen. Bei diesen Unzufriedenen, und oftmals sozial Abgehängten, versuchen nun wieder verstärkt Demagogen wie der alte Präsident Ahmadinedschad zu punkten, doch diesen Versuchen werden bei einer stabilen Wirtschaftsentwicklung nur geringe Erfolgsaussichten eingeräumt.

Die von der Rouhani-Administration angestrebte umfangreiche Reformierung und Öffnung der iranischen Wirtschaft stößt in einem so komplexen und polyzentrischen politischen System wie dem Iran naturgemäß auf Widerstände innerhalb des Staatsapparates. Auch wenn die allgemeine Marschrichtung im Iran weiterhin klar vorwärts zeigt, sollte man daher durchaus einige politische Rückschläge einkalkulieren.

Sind diese Widerstände allein zu schaffen?

Allein in der Ölindustrie werden für die Durchführung der notwendigen Reformen 180 Milliarden US $ veranschlagt, dies entspricht fast 40% des iranischen BIP. Unmöglich, dass das Land dieses Investitionsvolumen ohne ausländische Investitionen stemmen kann. Diese Gegebenheiten können auch von den Reformskeptikern innerhalb des iranischen Staatsapparates nicht auf Dauer ignoriert werden.

Ihre Spezialgebiete sind steuerliche Gesichtspunkte: Welche Fallen treten auf? Was sollte man bedenken?

Eine steuerliche Problemlage stellt sicherlich die bisher in Teilen inkonsequente iranische Finanzverwaltung dar. Betriebsprüfungsergebnisse sind nicht immer willkürfrei und führen häufig zu Schätzungen des Ergebnisses. Hier bedarf es dringend einer weitergehenden Professionalisierung. Dennoch sehe ich mit Blick auf steuerliche Gesichtspunkte weniger Fallen, als vielmehr zahlreiche Chancen für kluge Investoren. Denn das bestehende Doppelbesteuerungsabkommen hat sich in der Praxis bewährt. Und auch sonst bietet das iranische Steuersystem exportorientierten Investoren eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Steuerersparung. Die Gefahr liegt also eher darin, die Chancen zur Steuerersparung nicht optimal zu nutzen.

Mehr zu diesen Themen und das Originalinterview finden Sie unter: http://www.management-circle.de/blog/interview-dr-thomas-wuelfing-ueber-naechste-schritte-fuer-investoren-in-iran/

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