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Katar und die GCC Beziehungen - Ein Jahr Katar-Krise
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July 2, 2018
Written by:
Daniel Wietstock

Die Staaten des GCC (Golf Cooperation Council) galten seit seiner Gründung im Jahr 1981 als stabiler und krisenresistenter Staatenbund zwischen regionalen Krisenherden wie dem Nahen Osten, Ostafrika und Afghanistan. Die Gründung des Golfrats durch Kuwait, Bahrain, Saudi-Arabien, Katar, Vereinigte Arabische Emirate und Oman war eine Reaktion auf die Islamische Revolution in Iran und den ersten Golfkrieg. Am 05. Juni 2017 geschah dann das Unvorstellbare. Über Nacht brachen, allen voran, Saudi-Arabien und seine Verbündeten VAE, Bahrain sowie Ägypten, ihre diplomatischen Beziehungen zu dem Land ab. Es folgte eine Schließung der Landesgrenzen, eine Luftraumsperre, die Einschränkung der See- und Handelswege sowie Sanktionen gegen das Emirat Katar. Die Erbmonarchie ist nicht nur einer der größten Flüssiggashersteller der Welt (nach Russland und Iran), sondern verzeichnet mit über 65.000 US-Dollar ebenfalls das höchste pro Kopf Einkommen weltweit. Nur zehn Prozent der Bevölkerung sind Kataris - den Rest stellen Expats und Arbeiter aus allen Ecken des Globus dar. Bis heute, ein Jahr nach den Geschehnissen der Katar-Krise, bleibt die Situation in der Region angespannt und ein Ende der Blockade scheint nicht in Sicht. Dieser Artikel soll einen kurzen Rückblick auf die Vorfälle im Juni 2017 geben und die Hintergründe der diplomatischen Krise erläutern. Außerdem wird die aktuelle Entwicklung in der Region dargelegt sowie eine Prognose für die Zukunft gewagt.

Rückblick: Wie alles begann

Dass Katar aus geopolitischen Gründen und Interessenvertretung politische Parteien, Bewegungen und Organisationen im arabischen Ausland finanzierte, war kein Geheimnis. So finanzierte das Land die islamische Partei Ennahda nach der Revolution 2011 in Tunesien oder die Muslimbruderschaft in Ägypten. Letztere wird seit 2013 von der ägyptischen Regierung als Terrororganisation eingestuft. Seither leben viele Mitglieder der Bewegung im Exil in Doha.

  • Bis vor einem Jahr schien dies auch nie ein Problem für die arabischen Nachbarstaaten darzustellen. Bis am 05. Juni Saudi-Arabien verkündete, dass es gemeinsam mit den VAE, Bahrain und Ägypten eine Allianz gegen das kleinste Emirat führen würde, welche nicht nur die diplomatischen, sondern auch wirtschaftlichen Beziehungen zu dem Land beenden sollte. Folgende Gründe würden dabei in erster Linie aufgeführt: Ein reger diplomatischer und politischer Kontakt zu Iran sowie die Finanzierung und Unterstützung von Terroristen bzw. Terrororganisationen. Die Allianz veröffentlichte eine Liste mit insgesamt 13 Forderungen, denen Katar innerhalb von zehn Tagen nachkommen sollte, ansonsten würde diese keine Gültigkeit mehr haben. Über weitere Konsequenzen, wie etwa militärische Interventionen, äußerte man sich damals nicht. Folgende Forderungen wurden von mehreren Seiten als schwerwiegend eingeordnet:
  • Die Reduzierung bzw. den Abbruch der politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehung zum Iran, beispielsweise die Schließung der iranischen Botschaft in Doha und der katarischen Vertretung in Teheran. Eine Beziehung zum Iran würde lediglich unter den Auflagen der US-Sanktionen gestattet werden.
  • Die Auflösung des katarischen Nachrichtensenders Al-Jazeera. Dieser ist international weit verbreitet, besitzt seit geraumer Zeit einen englischsprachigen Ableger (Al-Jazeera English) und wird von der Allianz als „Propagandamittel“ bezeichnet, welcher die Interessen Katars international vertritt und nicht unabhängig von Monarchen und Regierung ist. Des Weiteren wurde die Einstellung aller medial vertretenen Nachrichtenkanäle gefordert (Print und Digital).
  • Die Einstellung der Beziehungen und finanziellen bzw. ideellen Unterstützung der Muslimbruderschaft, der Hizbollah, dem IS und Al-Qaeda und allgemein allem, was die Allianz, die USA oder andere international wichtige Akteure als Terrororganisation kategorisieren. Zudem solle Katar Individuen, welche im Land leben und von anderen Staaten als Terroristen gewertet werden, ausliefern und bei der Suche nach Terrorverdächtigen Kooperationen eingehen, z.B. deren Vermögen einfrieren. Ersteres würde besonders die Anhänger der Muslimbruderschaft treffen.
  • Weitere Forderungen: Strafzahlungen und Baustopp einer türkischen Militärbasis

„Wer nicht hören will, muss büßen“ - Die Konsequenzen für Katar

Die katarische Regierung bestritt alle Anschuldigungen und verkündete gleich nach der Veröffentlichung der Liste, dass man diesen nicht nachkommen würde. Katar bezeichnete den Vorfall als widerrechtlichen Angriff auf die Souveränität des Landes und als Strafe für seine Reformbereitschaft und seiner unabhängigen außenpolitischen Führungslinie. Als Konsequenz schloss Saudi Arabien seine Landesgrenze zu Katar, welches seine einzige ist. Die Häfen der Allianzstaaten, deren Seeräume an den katarischen angrenzen, wurden für katarische Schiffe gesperrt und selbst der Luftraum über Saudi-Arabien, den VAE und Bahrain durfte nicht mehr von katarischen Fluglinien durchflogen werden. Dies galt allerdings nicht für ausländische Firmen, welche den Flughafen in Doha weiterhin anflogen. Als ein Land, was stark auf Importe angewiesen ist, erwies sich zunächst vor allem der Abbruch der Beziehungen zu Saudi-Arabien und den VAE als Problem. Die Versorgung auf dem Landweg stellte einen wichtigen Teil der Versorgungskette dar, so waren die VAE im Jahr 2016 einer von Katars größten Importpartnern. Die gesamte Importrate sank im Sommer 2017 um 40 Prozent, unmittelbar nach Beginn der Krise hatte das Land mit Nahrungsmittelengpässen zu kämpfen. Ein Einbruch des Aktienmarkts ließ sich ebenso wenig vermeiden. Katarische Diplomaten und Staatsangehörige wurden aus den Ländern der Allianz ausgewiesen, ihre Konten eingefroren und die Vertretungen staatlicher katarischer Unternehmen (wie Qatar Airways) geschlossen. An der Landesgrenze starben mehrere Hundert Kamele in der Wüste, da diese nicht mehr in ihr Heimatgebiet zurückkehren konnten. Interessant ist diese Tatsache nicht aufgrund der Banalität, sondern lässt sich als bezeichnend für die Ernsthaftigkeit des Konflikts interpretieren. Wie bereits bekannt, handelt es sich bei den Nachbarstaaten um streng islamisch geführte. Im Islam ist, selbst im Kriegsfall, der Tod von Tieren unter allen Umständen zu vermeiden.

Katars Antwort auf die Isolation

Die Konsequenzen stellten Katar vor einige, zum Teil existentielle, Herausforderungen. Der politische Kurs des Landes und die Loyalität zu seinen Alliierten sollte sich auszahlen. Vorher nie bestehende Verhältnisse wie Versorgungsengpässe, Nahrungsmittelengpässe und ein genereller Mangel von Waren wurden besonders dank zwei Staaten bewältigt. Der Iran und die Türkei unterstützten das Land maßgeblich. Über den Seeweg lieferte der Iran hunderte Tonnen an Lebensmitteln, Arzneimitteln und Versorgungsgütern, die Türkei tat es ihm gleich. Weiter ließ Präsident Erdogan türkische Truppen nach Katar entsenden. Neu entstandene Handelsrouten und Bündnisse sollten die Versorgung des Landes aufrechterhalten. Die Banken wurden mit staatlichen Mitteln unterstützt, einer sich anbahnenden Finanzkrise konnte somit geschickt ausgewichen werden. Nicht zu unterschätzen sind die Bemühungen der Regierung lokale Unternehmen zu unterstützen. So wird seit Mitte letzten Jahres im Betrieb „Baladna“ (unser Land) Milch von deutschen Kühen produziert. Per Frachtflieger wurden die Tiere ins Land gebracht. Das Unternehmen ist optimistisch; sie wollen nicht nur der größte Rinderzuchtbetrieb werden (die Herde soll auf 25.000 Tiere wachsen), sondern auch der größte Hersteller von Milchprodukten der Region werden.

Was sagen die Nachbarn?

Die Krise hat nicht nur in den beteiligten Staaten für Aufsehen gesorgt, auch die internationale Staatengemeinschaft ist an einem stabilen und friedlichen Verhältnis am Golf interessiert. Für geteilte Meinungen hat die Krise in den USA gesorgt. Außenminister Pompeo forderte bei seinem Besuch in der Region kürzlich alle Beteiligten zur Schlichtung und Mediation auf. Auf der anderen Seite profitiert die US-Regierung und ansässige Privatunternehmen allerdings von den Rüstungskäufen Saudi-Arabiens. Diese fürchten die zunehmend angespanntere Situation und beobachten aufmerksam den Erwerb russischer Waffensysteme seitens Katar. Die Rolle der beiden übrigen GCC-Staaten Oman und Kuwait schien zu Beginn unklar. Mittlerweile gehen von beiden Bemühungen aus, den Streit beizulegen und eine schlichtende bzw. verhandelnde Instanz zwischen den Konfliktparteien zu bilden. Im Dezember 2017 wurde hierzu eine Konferenz in Kuwait abgehalten, welche jedoch nicht den gewünschten Erfolg und das Ziel der Annäherung hervorbrachte, sondern stattdessen eine verschärfte Blockbildung. Der Oman, dessen Häfen am Eingang zum persischen Golf befinden, hält wichtige Handelsrouten für Katar frei und gestattet weiter deren Anlegen.

Doch die Vorfälle des letzten Jahres scheinen auch positive Entwicklungen ins Rollen gebracht zu haben. Der katarische Außenminister Mohammad bin Abdulrahman bin Jassim al Thani äußerte sich anlässlich des einjährigen „Jubiläums“ folgendermaßen: Katar bleibe weiterhin offen für einen Dialog mit der von Saudi-Arabien angeführten Allianz, erachtet es allerdings nicht für nötig, einer der Forderungen nachzukommen. Dem Lande ginge es besser als je zuvor. Die Importe seien auf demselben Stand wie vor der Krise, die Banken haben sich wieder erholt und der IWF prognostiziert sogar ein Wirtschaftswachstum in Höhe von 2,6 Prozent (Vergleich Vorjahr: 2,1 Prozent). Noch nie zuvor hatte Katar eine bessere Menschenrechtsstatistik, ebenso wie eine strategische und geopolitisch wertvolle Position. In Katar gab es am 05. Juni diesen Jahres sogar zu einem Feiertag inklusive Festival anlässlich dem Jahrestag der Isolation.

Fazit

Noch nie schien das Sprichwort „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ angebrachter, als zur aktuellen Situation in Katar. Ein Jahr nach Beginn der Krise kann folgende Bilanz gezogen werden: Das Land hat seine Beziehungen zum Iran auf allen Ebenen gestärkt. Allerdings bleibt unklar, ob das Verhältnis weiter so intensiv geführt wird, schließlich grenzen die Gasfelder beider Staaten unter dem Meeresboden des Golfs aneinander. Ob sich das Verhältnis zu der Allianz entspannen wird oder man gar mit einer militärischen Auseinandersetzung rechnen kann, ist unklar. Für ein andauerndes Spannungsfeld zwischen den Staaten spricht der lange Atem der Länder und ihr Wille, koste es was es wolle, auf die gestellten Forderungen zu bestehen. Eine Verschärfung könnte sich im Boykott ausländischer Unternehmen abbilden, an welchen Katar Beteiligungen hält, wie z.B. VW, Harrods oder dem Empire State Building in NYC. Interessant könnte es auch anlässlich der Fußball WM 2022 werden, sollten sich beispielsweise die saudische oder die ägyptische Nationalmannschaft für das Turnier qualifizieren. Gelungen ist es beiden schon zu der diesjährigen Weltmeisterschaft. Ob die Staaten dann ihren eigenen Mannschaften die rote Karte zeigen würden und sie gar nicht erst aufs Feld schicken, bleibt abzuwarten.

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