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Ägypten - attraktiver Wirtschaftsstandort mit Zukunftsperspektive
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November 9, 2018
Written by:
Mamdouh Al Tajjar

Im Gegensatz zur Region um den persischen Golf, liegt Ägypten weniger im Fokus deutscher Unternehmen und Investoren. Dabei bietet das bevölkerungsreichste arabische Land nicht nur eine gute geographische Lage um Zugang zu anderen arabischen Ländern zu gewähren,sondern auch den größten arabischen Binnenmarkt. Zahlreiche qualifizierte Arbeitskräfte, niedrige Lohnkosten und die Mitgliedschaft in der arabischen Freihandelszone schaffen in Ägypten attraktive Bedingungen. Abgesehen davon ist es dem Land gelungen, sich durch den Suezkanal zu einem der bedeutsamsten Handelsdrehkreuze zu entwickeln. Deutlich wird das auch durch die Zunahme von ausländischen Direktinvestitionen in das Land. Im Jahr 2016 wurde hier ein Zuwachs von 17,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnet, insgesamt lagen die FDIs bei 8,1 Mrd. US-Dollar. Durch Reformen im außenwirtschaftlichen und handelspolitischen Bereich prognostiziert der IWF ein Wirtschaftswachstum von 5,2 Prozent für das Jahr 2018. Bis 2023 soll ein Wachstum von sechs Prozent erzielt werden, was Ägypten die Pole Position unter den arabischen Ländern verleihen würde.

In diesem Artikel soll ein Blick auf Ägypten als attraktiver Wirtschaftsstandort geworfen werden. Denn nicht nur reguläre Branchen und Sektoren bieten in dem Land Investitionsmöglichkeiten,sondern auch staatliche Maßnahmen und Vorhaben veranlassen die Öffnung des Marktes für ausländische Investoren.

Versucht man die ägyptische Wirtschaft zu strukturieren und detaillierte Auskünfte über die einzelnen Märkte zusammenzufassen, so findet man sich schnell vor einer immens großen Herausforderung wieder. Zu groß ist der Einfluss des informellen Sektors und der wirtschaftlichen Betätigung des (de facto) regierenden Militärs auf die weiteren Sektoren.

Festzustellen ist allerdings die hohe Beteiligung am wirtschaftlichen System. So gibt es knapp 130 Staatsunternehmen,welche vor allem die Säulen der ägyptischen Wirtschaft, nämlich die Bereiche Förderindustrie, Energie- und Wasserversorgung sowie den Banken- und Versicherungssektor dominieren. Die Privatwirtschaft ist deutlich besser in den Sektoren Verarbeitendes Gewerbe (15,6 Prozent Anteil am BIP), Tourismus (11,8 Prozent) und Landwirtschaft (11,1 Prozent) verwurzelt.

Das Verarbeitende Gewerbe wird vordergründig durch die Erdöl- und Erdgasbranche getragen. Nachdem 2018 durch die Entdeckung eines neuen Gasfeldes die Selbstversorgung des Landes geleistet werden konnte, sieht die Regierung vor den Rohstoff auch zu exportieren.

Geographisch lassen sich die wirtschaftlich relevantesten Städte des Landes im Norden zu verorten. Kairo ist hierbei das eindeutige wirtschaftliche und politische Zentrum. Alexandria, die zweitgrößte Stadt des Landes, ist aufgrund ihres internationalen Hafens für den Handel und Außenhandel des Landes von hoher Relevanz.

Erneuerbare Energien - Windenergie

Ägypten verzeichnet jährlich ein Bevölkerungswachstum von zwei Prozent, einen Anstieg der Wirtschaftsleistung von fünf Prozent und einen dementsprechenden Anstieg der Stromnachfrage von sechs bis sieben Prozent. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, setzt die Regierung, abgesehen von konventioneller Stromerzeugung (in etwa durch Gaskraftwerke), auch auf erneuerbare Energien. Aktuell sind vor allem starke Bemühungen zur Förderung von Windenergiewirtschaft zu bemerken. Der World Energy Council bescheinigt dem Land ein sehr hohes Windenergiepotenzial,insbesondere in der Region am Roten Meer.

Die momentane Kapazität von Windenergie und der daraus resultierende Ertrag von 750 MW soll bis zum Jahr 2022 auf knapp 7000 MW erweitert werden, was einem Anteil von zwölf Prozent der Stromerzeugungskapazität (2017: ca. 45000 MW) ausmachen würde. Im Rahmen des ägyptischen Aktionsplans "Energy Strategy 2035" werden realistische Ziele gesteckt, welche den Anteil von Windenergie bis 2025 auf 13 Prozent, bis 2030 auf 16 Prozent und bis 2035 auf 19 Prozent steigen lassen sollen. Jährlich muss der aus Windenergie gewonnene Strom ein Zuwachs von 1500 MW erfahren.

Hohes Potenzial wird hauptsächlich On-Shore Windparks zugesprochen, mehrere Projekte im Leistungsbereich zwischen 250 und 2000 Megawatt sind bis jetzt bestätigt worden. Die Bedingungen für Off-Shore Windparks stehen ähnlich günstig, allerdings gibt es keine Berichte von offizieller Seite, die Vorhaben dieser Richtung bestätigen, ausschreiben oder fördern. Stromsubventionen des Staates begünstigen die konventionelle Stromgewinnung,die Entdeckung eines enormen Gasfeldes vor der ägyptischen Küste lässt soga rvermuten, dass das Land zu einem Gasexporteur aufsteigt. Der Abnahmepreis liegt bei 3,8 US$-Cent pro Kilowattstunde.

Im Jahr 2015 wurde das staatliche Monopol für den Stromsektor beseitigt. In Folge dessen ist der Markt privaten Anbietern und Versorgern eröffnet worden. Mehr zur Privatisierung in Ägypten an späterer Stelle.

Chancen für deutsche Unternehmen bestehen hierbei vordergründig bei Beratungsaufträgen und bedingt durch die hohe Importabhängigkeit Ägyptens bei Windparkkomponenten. Der Energieminister des Landes erklärte 2017, dass nur30 Prozent der für den Bau von Windparks benötigten Komponenten aus inländischer Produktion stammen. Die Mehrheit der Produkte stammt vorwiegend aus europäischen Staaten, aber auch aus China.

Pharmasektor in Ägypten

Ebenfalls attraktive Aussichten bietet der ägyptische Pharmasektor. Bis 2020 sollen voraussichtlich die Arzneimittelverkäufe auf 2,5 Mrd. US-Dollar um zehn Prozent gesteigert werden.Faktoren, welche diese Entwicklung fördern sollen sind ein umfassendes neues Krankenversicherungssystem, das stark zunehmende Bevölkerungswachstum sowie die steigende Lebenserwartung und Ausgaben für Arzneimittel. Allgemein stellt das Land mit dem wachsenden Binnenmarkt und der hohen Importabhängigkeit (im Jahr 2017: 1,06 Mrd. US-Dollar), auch in der Pharmaindustrie, einen lukrativen Gesundheitsmarkt dar. Vermehrt gestärkt soll das Krankenversicherungssystem von staatlicher Seite aus werden.

Für 2018 ist ein Wachstum im Bereich Arzneimittelverkäufe von 6,4 Prozent prognostiziert. Bei Pro-Kopf-Ausgaben(knapp 100 Millionen Einwohner) von etwa 23 US-Dollar jährlich beläuft sich dieGesamtsumme auf 2,27 Mrd. US-Dollar. Bis 2021 soll ein Betrag von knapp 2,5 Mrd. US-Dollar mit Arzneimittelverkäufen erzielt werden. Ägyptische Großhändler wie die United Company of Pharmaceuticals bedienen abgesehen von dem heimischen Markt auch regionale Märkte in Ländern der Region.

So makaber es auch klingen mag:veränderte Essgewohnheiten und Lebensstile begünstigen die Verbreitung von Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht und Bluthochdruck sowie deren Folgen,welche wiederum die Nachfrage an Arzneimitteln und medizinischer Betreuung steigern.

Die Preise für Arzneimittel werden staatlich reguliert. Grund dafür ist, die Bezahlbarkeit

von Medikamenten für die Menschen im Land zu gewährleisten.

Deutsche Unternehmen sind Ägyptens wichtigster Lieferant für Arzneimittel, gefolgt von der Schweiz und Frankreich.

Neue ägyptische Hauptstadt: Vorhabender Superlative

Nachdem die ägyptische Regierung 2015 den Bau einer neuen Hauptstadt zwischen der jetzigen (Kairo) und dem Suez-Kanal bekannt gab, folgte vor kurzem die Bekanntgabe, dass man schon im zweiten Halbjahr 2019 den Regierungssitz in die neue Metropole verlegen wolle. Zwischen 10 und 20 Mrd. US-Dollar soll das Vorhaben kosten. Zweck des Projekts ist es,für über 6,5 Mio. Menschen auf über 71.000 Hektar Wohnplatz zu schaffen.Infrastrukturelle Maßnahmen wie ein Straßennetz von insgesamt 650 Kilometern,sowie 2000 Schulen, 600 medizinische Einrichtungen und 1250 Moscheen und Kirche sollen optimale Voraussetzungen für die neuen Bewohner schaffen.

Die neue Hauptstadt soll vorrangig die alte in Sachen Wohnraum entlasten, da diese die Folgen der Urbanisierung wie keine andere arabische Hauptstadt zu spüren bekommt. Bei der Energieversorgung der Stadt sollen auch Erneuerbare Energien zum Einsatz kommen. Mit Hilfe von moderner Technik soll der Energieverbrauch nicht nur überwacht, sondern auch reguliert werden.

Die erste Bauphase des Projekts soll mit einem Volumen von acht Milliarden US-Dollar acht Prozent des Gesamtgebiets mit den wichtigsten Organen für den staatlichen Apparat abgeschlossen werden.Grundstückspreise für diese erste Phase lagen noch zwischen 121 und 184 Euro pro Quadratmeter, aktuell liegen die Preise für die zu verplanenden Grundstücke bei ca. 340 Euro/Quadratmeter. Trotzdem übertrifft die Nachfrage das Angebot,was nicht nur die Relevanz, sondern auch die Beliebtheit des Vorhabens in der ägyptischen Wüste hervorhebt.

Den mit Abstand höchsten Investitionszufluss erfuhren Bauprojekte, die dem Bereich der Geschäftsviertel zuzuordnen sind (3 Mrd. US-Dollar). Auf den beiden kommenden Plätzen folgen Wohnsiedlungen (1,3 Mrd. US-Dollar) und ein Bahnprojekt (1,2 Mrd. US-Dollar),welches die neue Stadt mit Kairo und weiteren wichtigen Städten wie Luxor undA lexandria verbinden soll.

Für deutsche Unternehmen bestehen hier Geschäftschancen bei der Anfertigung, Lieferung und Instandhaltung der erforderlichen hochmodernen Technik, die bei der Verwaltung der Stadt zum Einsatz kommen wird. Doch auc hfür Ingenieurbüros und Beratungsdienstleister bestehen einige Opportunitäten bei den (noch nicht im gewünschten Maße) erfolgten Planungen.

Wenn der Staat sich zurückzieht -Privatisierung eröffnet neue Chancen für Investoren

Die ägyptische Regierung will ab Herbst 2018 insgesamt 23 Unternehmen unterschiedlicher Branchen zur Teilprivatisierung freigeben. Hierbei sollen Anteile von Staatsunternehmen und -firmen verkauft oder auch an die Börse gebracht werden. Sinn dieses Vorhabens ist die Modernisierung weiterer staatlicher Betriebe durch die Einnahmen aus den Verkäufen und Börsengängen.

Allerdings ist bei dieser Teilprivatisierung nicht davon auszugehen,dass der Staat den Mehrheitsanteil von 51 Prozent an den Unternehmen abgeben wird. Die Regierung möchte ihren Einfluss auf die Unternehmen nur ungerne verlieren, so dass Investoren die Möglichkeit erhalten sollen zwischen vier(beispielsweise bei dem Tabakhersteller Eastern Tobacco) und 30 Prozent (bei Chemieunternehmen Abu Qir Fertilizers) der Unternehmensanteile zu erwerben. Bis Anfang 2021, erhofft sich die Regierung so insgesamt eine Milliarde Euro durch die verkauften Beteiligungen einzunehmen. Hauptsächlich Unternehmen aus der Finanzbranche, der Petrochemie und der Logistik werden von dem Staat angeboten.Teilweise sollen diese auch aus ihrer finanziellen Schieflage befreit werden.

Fazit

Wie an vielen anderen Orten auf der Welt, genießt auch in Ägypten das Siegel „Made in Germany“ ein hohes Ansehen.Allgemein erfährt Deutschland als erfolgreiche Industrienation und seinem dualen Bildungssystem hohe Bekanntheit und Anerkennung. Vordergründig Unternehmen, welche im Bereich Maschinenbau, Umwelt- und Energietechnik tätig sind, aber auch deutsche Beratungsdienstleister auf dem Feld der Architektur-und Ingenieursdienstleistung verzeichnen positive Effekte bei angebotenen Produkten oder Dienstleistungen hinsichtlich Qualität, Vertrauenswürdigkeit,Langlebigkeit und technologischem Fortschritt.

Auch wenn deutsche Produkte in Branchen wie Maschinenbau oder Energietechnik Konkurrenz aus den USA und China konfrontiert, fällt die Wahl örtlicher Arbeitgeber oftmals auf deutsche Unternehmen. Vor allem China profitiert hierbei von seinen Anbietern, bei denen es sich oftmals um Staatsunternehmen handelt, da diese günstigere langfristige Kondition für Projektfinanzierungen gewähren können. Deutsche Unternehmen können diesen Wettbewerbsvorteil allerdings unter Umständen ausgleichen; im Bereich Maschinen und technische Anlagen wird in Ägypten viel Wert auf einen umfassenden und zuverlässigen Aftersalesservice (lokale Verfügbarkeit, Wartung und Ansprechpartner vor Ort) gelegt.

Ägypten hat auf lange Sicht durchaus hervorragende ökonomische Chancen – sei es durch seine Bodenschätze im Bereich Öl und Gas (auch wenn diese im Vergleich zu Nachbarstaaten wie Saudi-Arabien gering ausfallen), den Tourismus oder den Aufbau eines leistungsfähigen Dienstleistungssektors. Die Lösung für ein nachrevolutionäres Ägypten und für eine nachhaltige Entwicklung des Landes sollte daher lauten: Investition in Bildung, Bildung und nochmals Bildung.

Investoren und Unternehmer sollten beachten, dass in dem Land verhältnismäßig viele Genehmigungen eingeholt werden müssen, sektorübergreifend. Der arabischen Sprache mächtig zu sein, ein hohes Maß an interkulturellen Kompetenzen sowie Geduld und Flexibilität sind wichtig um erfolgreiche Geschäfte in dem nordafrikanischen Land abzuschließen.

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